DNN, 10. 09. 2002, BÜHNE DRESDEN
Gabriele Gorgas

Traditionell und experimentell

Solch bewegtes Treiben wie in diesen Tagen steht dem angejahrten Festspielhaus Hellerau wirklich gut zu Gesichte. Durch alle Räume geistern Klänge und Gesänge, im großen Saal sind Schauspieler über gefluteten Abgründen zu Gange und in den Seitenstudios arbeiten Rhythmiker traditionell wie experimentell. Dazu Gäste der Tessenow-Stiftung, Theaterbesucher in den Abendstunden, eine Vielzahl Interessierter am Tag des offenen Denkmals...

Solche Turbulenz bringt Leben in das heute mehr beschauliche Tessenow-Gebäude, erinnert an frühere Zeiten, auch an die ganz frühen vor gut neunzig Jahren. Als sich in Hellerau eine internationale Künstlerschar einfand, um den Aufbruch in die Moderne mitzuerleben. Selbst, wenn sich jene, die das Festspielhaus jetzt beleben, zuweilen lärmend in die Quere kommen, neugierig sind sie schon, was überall im Haus passiert. Und sie begegnen sich überhaupt.

Nicht alle sind planmäßig in Hellerau. Das Staatsschauspiel ist quasi mit der Flut auf den Heller gekommen, hat sich der prekären Situation frontal gestellt, mannshohe Hürden wacker genommen. Trotz notwendiger Einschränkungen ließ sich auch die Internationale Rhythmikwerkstatt, veranstaltet besonders vom neugegründeten Institut Rhythmik Hellerau e.V., nicht davon abhalten, den geplanten Kurs mit knapp fünfzig Teilnehmern sowie namhaften Dozenten aus London, Genf, Poznan, Hannover, Stuttgart und Dresden durchzuführen.

Ein abenteuerliches, sympathisches Völkchen ist da für ein verlängertes Wochenenende angereist, das sich auf Emile Jaques-Dalcroze eingeschworen hat und mit neu begründeter Kontinuität alljährlich ins Festspielhaus, damit zu den Ursprüngen zurückkehrt oder den Ort auch erstmals erkundet. Dass es dabei nicht im engen Sinne historisch zugeht, sondern um eine spezielle, für jeden Künstler und künstlerisch Interessierten wichtige Wahrnehmung von Körper, Raum, Musik, wird seit dem ersten Workshop 2000 immer wieder offensichtlich.

Mit dabei war in diesem Jahr erneut Karin Greenhead aus London. Sie arbeitet wie auch Prof. Madeleine Duret aus Genf, die erstmals nach Hellerau kam, speziell nach der Methode des Schweizer Musikpädagogen Jaques-Dalcroze, der international als Begründer der Rhythmik gilt. Weltweit wirken von ihm und Schülern inspirierte Zentren und Institute in seinem Sinne. Auch heute geht es noch oder wieder um die Befreiung des Körpers, die Erziehung zur Musik mit Bewegung. Madeleine Duret, Schülerin des Meisters, widmet sich besonders dem rhythmischen Solfege, einer speziellen Stimm- und Gehörbildung nach Jaques-Dalcroze.

Das dichtgedrängte Kursprogramm hielt die Teilnehmer kräftig in Bewegung. Allzuviel Verschnaufpausen gab es nicht, doch die Chance, mit ausgezeichneten Pädagogen und Künstlern, darunter auch der Percussionist und Performer Prof. Günther (Baby) Sommer zu arbeiten, nutzte die Mehrzahl mit inspirierter Eigenverantwortung. Abends fanden zudem noch kleinere Aufführungen statt, beispielsweise mit choreographischen Arbeiten, vorgestellt von jungen polnischen Teilnehmerinnen.

Die Förderer der Rhythmikwerkstatt, angeregt durch Prof. Christine Straumer von der Dresdner Musikhochschule, haben es ermöglicht, dass auch Rhythmiker aus osteuropäischen Ländern an den Kursen in Hellerau teilnehmen konnten. Wohl den kürzesten Weg zum Festspiehaus hatten zwei Lehrerinnen aus der Gartenstadt selbst, ein Novum und vielleicht auch ein Zeichen neuer Akzeptanz. Einige Hellerauer sowie Rhythmikstudenten aus Dresden erwiesen sich zudem als liebenswerte Gastgeber.

Ob es Zufall ist oder Absicht? Auch in diesem Jahr hatten die vielen Interessierten, die das Festspielhaus am Tag des offenen Denkmals besuchten, Gelegenheit, mit einer öffentlichen Demonstration Einblick zu nehmen in die nunmehr zum dritten Mal stattfindende Rhythmikwerkstatt. Da der große Saal vom Schauspiel belegt, die Sonne zudem außerordentlich verschwenderisch mit ihren Reizen umging, gab es die Aufführung 2002 im Freien vor dem Portikus. Nach den diesjährigen Schwerpunkten Rhythmik, Solfege und Improvisation wird es im kommenden Jahr Anfang September um den Zusammenhang von Rhythmik und Choreographie gehen.

Émile Jaques-Dalcroze
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